Sport Austria - Interessenvertretung und Serviceorganisation des organisierten Sports in Österreich.

Faustball-Hype: Jetzt sprechen die Teamchefs

Martin Weiß und Michael Reisenberger im Doppel-Interview

Nach der großen Eröffnungsfeier am Donnerstag steigen Österreichs Faustball Nationalteams am Sonntag in die World Games Bewerbe ein.

Als Ziel haben die Teams den Finaleinzug ausgegeben. Im Interview erzählen Frauen-Cheftrainer Michael Reisenberger und sein Pendant bei den Männern, Martin Weiß, von den Besonderheiten bei World Games, der Kaderzusammenstellung und erklären, ob Vize-Weltmeister Österreich bei den World Games den Titelanspruch stellen kann.

Die Olympischen Spiele sind den meisten ein Begriff, die World Games sind selbst sportaffinen Menschen oft gänzlich unbekannt. Warum ist das so?

Martin Weiß: Weil die World Games medial leider sehr schlecht vertreten sind und die teilnehmenden Sportarten von sich aus auch eher wenig Medienpräsenz haben.

Wie kann man das ändern?

Michael Reisenberger: Unsere Bundessportorganisation „Sport Austria“ hat die Bedeutung der World Games erkannt und die Unterstützung in allen Bereichen – auch medial – seit den letzten Bewerben noch einmal verbessert. Entscheidend wird aber auch sein, dass die Medien auf den Zug aufspringen und die World Games als das große internationale Ereignis zeigen, das sie sind.

Lange wurde darum gekämpft, nun gibt es bei den World Games erstmals auch einen Frauenbewerb im Faustball. Was bedeutet das für den Stellenwert der Sportart?

Reisenberger: Es ist sicherlich ein Meilenstein für den Faustball, dass nun erstmals auch die Frauen dabei sein können. Das wertet die gesamte Sportart und meiner Meinung nach auch die World Games auf.

Weiß: Ich sehe das auch als Riesenfortschritt, im Männer-Nationalteam freuen wir uns riesig, dass wir Österreich gemeinsam mit dem Frauen-Nationalteam repräsentieren dürfen.

Michael, Du warst als Sportkoordinator in den vergangenen Jahren ganz nahe an allen Nationalteams dran, nun reist Du erstmals auch als Chefcoach zu einem Großereignis. Was bedeutet das für Dich persönlich?

Reisenberger: Es ist für mich eine Ehre, das Frauen-Nationalteam bei so einem wichtigen Bewerb als Headcoach betreuen zu dürfen. Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde.

Martin, Du hast als Spieler drei Mal an den World Games teilgenommen und warst bei beiden österreichischen Goldmedaillen als Spieler beteiligt. Welchen Stellenwert haben die World Games für einen Sportler?

Weiß: Einen sehr großen, weil es vom Event her ein ganz großes Erlebnis ist. Es ist nicht ganz mit einer WM zu vergleichen, weil dort meistens mehr Zuschauer sind. Aber von der Organisation und vom Ablauf her sind die World Games ein super Erlebnis. Vor allem, dass auch andere Sportarten vertreten sind, dass man sich gemeinsam bei einer großen Eröffnungsfeier präsentiert oder auch in den Athletendörfern trifft.

Ein paar Worte zu Deinem Kader? Wie schwierig war es, den richtigen Kader zu finden? Wie lief die Vorbereitung?

Weiß: Wir reisen mit dem gleichen Kader an, der im vergangenen Jahr den Nationencup gewonnen und vor Kurzem auch Vize-Europameister wurde. Die Nominierung war dennoch enorm schwierig, weil auch die anderen Spieler im Kader sehr starke Leistungen gebracht haben. Für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr haben sich da auf jeden Fall schon einige aufgedrängt.

Reisenberger: Nachdem ich die meisten Spielerinnen schon länger kennen, konnte ich seit 2006 "Sichtungen" durchführen. Deswegen war das Grundgerüst des Kaders recht schnell gefunden. Und ich konnte von den Strukturen und Abläufen meiner Vorgänger Wolfgang Ritschel-Roschitz und Christian Zöttl profitieren. Natürlich habe ich auch die Absprachen und gemeinsamen Trainings und Inputs mit Karin Azesberger und Viktoria Peer nutzen können, die sehr viel an internationaler Erfahrung einbringen.

In Birmingham ist es aktuell schon brütend heiß, bei den Faustballbewerben werden Temperaturen jenseits der 35 Grad erwartet. Wie geht Ihr damit um? Kann man sich auf solche Bedingungen überhaupt vorbereiten?

Weiß: Vorbereiten kann man sich darauf definitiv nicht, weil man diese Bedingungen nicht simulieren kann. Wir werden sehr auf unseren Wasserhaushalt achten und es gibt ja nur ein Spiel pro Tag. Somit ist die Belastung überschaubar. Wir müssen diszipliniert mit den Bedingungen umgehen, viel Schatten aufsuchen du genug trinken.

Reisenberger: Kondition und eine gute körperliche Verfassung im Allgemeinen waren uns auch schon in den letzten Jahren sehr wichtig. Ich sehe hier also kein so großes Problem. Die Bedingungen sind ja für alle gleich.

Die letzten rot-weiß-roten Goldmedaillen datieren aus den Europameisterschaften 2010 (Männer) bzw. 2013 (Frauen). Deutschland legte in den vergangenen Jahren beeindruckende Siegesserien mit acht internationalen Titeln bei den Männern und sieben bei den Frauen hin. Was ist nötig, um diese Siegesserie und Dominanz zu brechen?

Reisenberger: Es ist in der Tat beeindruckend, was Deutschland in den letzten Jahren geleistet hat. Deswegen sind sie aber nicht unschlagbar. Wir sind auf jeden Fall bereit, es zu versuchen, wie auch die anderen starken Nationen, die bei den World Games vertreten sind.

Weiß: Wir müssen sicher auf unserem Toplevel spielen, und das nicht nur gegen Deutschland. Die Teams aus der Schweiz, Brasilien und Außenseiter wie Argentinien, Chile, USA und Italien müssen erst besiegt werden. Ich denke aber, dass wir wieder einen Schritt nach vorne gemacht haben und wissen, dass wir Chancen haben, alle Teams schlagen zu können.

Eine provokante Frage zum Abschluss: Wir kennen die Stärken der direkten Konkurrenz vor allem aus Brasilien und der Schweiz, und natürlich sprechen alle über die aktuelle Vormachtstellung Deutschlands. Österreich ist amtierender Vize-Weltmeister bei Frauen und Männern. In der Vergangenheit wurden bei Großereignissen oft eine Medaille oder der Finaleinzug als Ziele genannt. Geben wir uns zu schnell mit guten Ergebnissen zufrieden? Sollte die Faustball-Großmacht Österreich - vielleicht auch als Kampfansage an die aktuellen Dominatoren - nicht den „Titelanspruch“ stellen? Auch auf die Gefahr hin, dass dieses Ziel nicht erreicht wird?

Weiß: Ich glaube, dass es nach den letzten Ergebnissen nicht realistisch ist, den Titelanspruch zu stellen. Alle Teams wissen, was wir können und dass wir – wenn alles passt - um den Titel mitspielen. Das Zeug haben wird, aber den Anspruch zu erheben ist sicher nicht realistisch.

Reisenberger: Bei den Frauen können wir aufgrund der letzten Leistungen auf internationaler Ebene aus meiner Sicht nicht den Titelanspruch stellen. Wir können und werden aber versuchen, jedes Spiel zu gewinnen. Noch wichtiger ist aber, dass wir möglichst bei jedem Spiel eine Top-Leistung bieten, um uns der absoluten Spitze anzunähern. Dann ist sicher vieles möglich.